91 Prozent des aktuellen Wagniskapitals fließen in Deutschland weiterhin an rein männliche Gründungsteams.
Eine Zahl, die nicht nur hängen bleibt, sondern das tief sitzende, strukturelle Problem der deutschen Startup-Szene schonungslos offenlegt. Wenn lediglich etwa 2 Prozent des Risikokapitals an rein weibliche Teams gehen, reicht es längst nicht mehr aus, Frauen lediglich Mut zuzusprechen oder mehr von ihnen zum Gründen zu ermutigen. Die drängende Frage unserer Zeit lautet vielmehr: Wie verändern wir die Spielregeln der Kapitalvergabe nachhaltig und wer sitzt an den Tischen, an denen Zukunftsentscheidungen getroffen werden?
Genau an dieser Schnittstelle zeigt sich die fundamentale Relevanz von Formaten wie dem Female Founders Day 4.0 (inklusive der anschließenden Female Founders Night) im TRAFO Hub in Braunschweig. Solche Events sind keine bloßen Netzwerk-Treffen oder gemütlichen Podiumsdiskussionen – sie sind der unverzichtbare Katalysator für einen überfälligen Systemwechsel. Veranstaltet von BANSON e.V. und dem TRAFO Hub, markierte der Tag zugleich den feierlichen und erfolgreichen Abschluss des WISEUP-Programms der TU Braunschweig, das seit Mai gründungsinteressierte Frauen mit zielgerichteten Workshops, Coachings und individuellem Mentoring auf dem Weg in die Selbstständigkeit unterstützt.
Gleichzeitig fügte sich das Event in Braunschweig nahtlos in den bundesweiten Kontext von Initiativen wie dem Female Founders Contest ein – Deutschlands größtem Pitch-Wettbewerb für Gründerinnen. Über 12 regionale Halbfinals und mehr als 500 Bewerbungen bundesweit verdeutlichen eindrucksvoll, welche Dynamik entsteht, wenn Sichtbarkeit, der Zugang zu über 100 Angel-Investoren und risikobereites Kapital gezielt zusammengeführt werden.
Mehr als ein Event: Warum diese Plattformen Märkte verändern
Ein Blick auf die Agenda des Tages macht deutlich, warum physische Begegnungsorte die eigentlichen Motoren für Innovation, Kapitaltransfer und Chancengleichheit sind. Der Tag bot weit mehr als reine Wissensvermittlung – er war ein Handlungsraum für Veränderungen:
-
Sichtbarkeit für echte Innovationen aus der Wissenschaft: Den Auftakt machte unter anderem die Keynote von Prof. Dr. Angela Ittel, Präsidentin der TU Braunschweig, die die immense Bedeutung von wissensbasierten Ausgründungen und weiblichem Unternehmertum für die regionale Innovationskraft betonte. Die anschließenden Elevator Pitches der WISEUP-Gründerinnen sowie intensive 10-Minuten-Pitches regionaler Startups machten tragfähige Marktpotenziale sichtbar, die über klassische Investment-Kanäle viel zu oft unentdeckt bleiben.
-
Praxiswissen, das direkt skaliert: In interaktiven Breakout Sessions wurden keine theoretischen Debatten geführt, sondern konkrete Werkzeuge für den Startup-Alltag geliefert. Das Themenfeld reichte von konkreten Finanzierungs- und Kapitalbeschaffungsstrategien mit Expertinnen der NBank, Commerzbank (Juliane Stockhammer & Vera Gross) und der Braunschweigischen Landessparkasse (BLSK / Sarina Beier) über KI- und Sichtbarkeitsstrategien mit der Future Forest Initiative (Rosalie Schuster) bis hin zum zukunftsweisenden Feld der Unternehmensnachfolge („Gründen ist sexy. Übernehmen ist clever“ mit Nicole Mölling von der Volksbank BRAWO).
-
Demokratisierung von Netzwerken: Im „Gründerinnen Circle“ (Connect to Empower) wurden Silos aufgebrochen, um Erfahrungswissen und persönliche Kontakte barrierefrei, transparent und auf Augenhöhe zugänglich zu machen.
Kapitallücke schließen: Event-Plattformen als ökonomischer Hebel
Warum ist die Existenz und stetige Weiterentwicklung solcher Events für den gesamten Wirtschaftsstandort so entscheidend? Weil mehr Kapital für Frauen kein Nischenthema und keine reine Symbolpolitik ist – es ist eine ökonomische Notwendigkeit für die Zukunftsfähigkeit unseres Standorts. Divers geführte Unternehmen agieren nachweislich resilienter, diversifizieren Risiken in Krisenzeiten besser und erzielen nachhaltigere Renditen. Wer auf die Innovationskraft von Frauen verzichtet, lässt ein gewaltiges volkswirtschaftliches Potenzial ungenutzt.
In der zentralen Podiumsdiskussion „Perspektiven für mehr (Wagnis-)Kapital für Female Founders“ beleuchteten vier führende Expertinnen die Ursachen des Gender Investment Gaps und zeigten auf, wo jetzt konkret angesetzt werden muss:
-
Gabriele Patzschke (Female Investors Network DACH)
-
Lisa Bennewitz (Business Angel Netzwerk Deutschland e.V. – BAND)
-
Lisa Schnabel (Niedersachsen Next)
-
Andrea Wiencke (BANSON Business Angel Netzwerk e.V.)
Die Diskussionsrunde verdeutlichte: Es fehlt keineswegs an herausragenden Ideen, exzellenter Forschung oder gründungsbereiten Frauen. Um die Kapitallücke nachhaltig zu schließen, braucht es einen gezielten Strukturwandel: den systematischen Abbau von Unconscious Bias in Investment-Komitees, eine deutlich höhere Quote an weiblichen Entscheidungsträgerinnen in VC-Fonds und Business-Angel-Netzwerken sowie den barrierefreien Zugang zu informellen Kapitalnetzwerken.
Genau hier entfalten Matching-Formate wie der Female Founders Day ihre Wirkung: Sie verkürzen die Wege zwischen Gründerinnen, Corporates, Business Angels und Family Offices drastisch und hebeln verkrustete Selektionsmuster gezielt aus.
Räume, in denen Zukunft verhandelt wird
Echten Wandel schafft man nicht im isolierten Arbeitsalltag. Es braucht physische Knotenpunkte und verlässliche Plattformen wie den TRAFO Hub, die Räume schaffen, die weit über den Tag hinaus wirken:
-
Räume für ehrlichen Austausch auf Augenhöhe, in denen auch Herausforderungen offen angesprochen werden.
-
Räume für neue, branchenübergreifende Verbindungen, aus denen völlig neuartige Synergien erwachsen.
-
Räume für mutige, zukunftsweisende Ideen, die das Ökosystem von morgen prägen.
-
Räume, in denen aus ersten Begegnungen konkrete Investment-Partnerschaften und tragfähige Projekte entstehen.
Seinen stimmungsvollen und wirkungsvollen Abschluss fand der Tag in der Female Founders Night 4.0 beim BANSON Matching Event. Bei entspannter Atmosphäre nutzten über 100 Gründerinnen, Investor:innen und Multiplikatoren aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik die Gelegenheit, die Impulse des Tages direkt in nächste Schritte zu übersetzen.
Der Female Founders Day 4.0 hat eindrucksvoll gezeigt: Solche Formate sind kein schmückendes Beiwerk der Startup-Szene, sondern das fundamentale Rückgrat einer zukunftsfähigen, diversen und wettbewerbsfähigen Wagniskapital-Kultur. Der Tag mag vorbei sein, aber die angestoßenen Gespräche, die geknüpften Kontakte und die gemeinsame Bewegung transformieren unser Ökosystem nachhaltig weiter.


